DER REGISSEUR MASSIMO FAGIOLI
Chiara Modenesi
Acting - 6. Juni 1998

 

Nach der Erfahrung mit Bellocchio gelangt Massimo Fagioli zu seinem ersten Film mit komplexen Themen und der Absicht, die menschliche Psyche zu sondieren; in diesem Interview spricht er über dieses Erstlingswerk und über die Gründe, die ihn dazu geführt haben, sich in der siebten Kunst zu versuchen.

- Gleich zu Anfang: wie sind Sie zum Entschluß gekommen, einen Film im Alleingang zu machen? Empfanden Sie die Zusammenarbeit mit Marco Bellocchio als Einschränkung?

MASSIMO FAGIOLI: Überhaupt nicht. Die Erfahrung mit Marco war ohne Zweifel positiv, nur, daß ich nach den Jahren der Zusammenarbeit meinen eigenen Stil gefunden habe und daran dachte, ihn in diesen Film umzusetzen.

- Hat Bellocchio den Film gesehen und wie denkt er darüber?

M. F.: Ich gehe davon aus, daß er positiv darüber denkt, da er beschlossen hat, ihn beim "Adriaticocinema" vorzustellen, dessen künstlerischer Leiter er ist; dann habe ich im Fernsehen gehört, daß der Film ihn deprimiert hat. Ich glaube, das ist das schönste Kompliment, das er mir machen konnte; wenn er gesagt hätte, der Film habe ihm Spaß gemacht, wäre meine Absicht gescheitert.

- Wie ist die Idee zu diesem Film entstanden?

M. F.: Der Film ist nicht als solcher entstanden; die ursprüngliche Idee bestand darin, einige Vortragsveranstaltungen zu dokumentieren. Erst nach und nach, bei der Sichtung des Materials, kam mir die Idee etwas zu machen, das, von den Veranstaltungen ausgehend, dennoch eine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit bewahrt. Einige Szenen des Films sind daher real, wie die Konferenz, an der die beiden Protagonisten teilnehmen, und die Szene im überfüllten Hörsaal der Universität; dazu kommen selbstverständlich die erfundenen Teile.

- Gab es ein Drehbuch?

M.F .: Nein. Die Ideen entstanden Tag für Tag bei der Dreharbeit, ebenso wie die Dialoge. Wir haben versucht zu planen, aber jedesmal wenn wir zu drehen begannen, hatten die Ideen vom Vorabend keinen Wert mehr.

- Wenn Sie erzählen müßten, wovon Ihr Fim handelt, was würden Sie sagen?

M. F.: Es gibt viele Arten, wie man das machen könnte; ich würde sagen, Hauptthema ist das große Drama der Worte, der Erkenntnis, und ob Bilder mehr aussagen können als Sätze. Das wenigstens war meine Absicht, und dabei habe ich teilweise die Lektion von Tarkovskij, Bergman und Antonioni aufgegriffen, daß bei Szenen, in denen augenscheinlich nichts passiert, in Wirklichkeit starke Inhalte durchkommen. Vom rein erzählerischen Standpunkt aus geht es um eine beruflich und sozial anerkannte Frau, die eine Krise erlebt; sie läuft barfuß durch einen Hörsaal, ohne den Grund dafür zu wissen. Dann trifft sie auf eine Stimme, einen Mann, Sinnbild für eine neue und ursprünglichere Art zu leben.
Hervorzuheben ist die umfangreiche Forschungsarbeit, die diesem Film vorangeht, und zwar Forschung über die psychische Realität. Dabei ist wesentlich, zwischen der Armut des Clochards im Film und psychischer Krankheit zu unterscheiden. Diese beiden Realitäten haben nichts miteinander zu tun; wenn man sie in einen Topf wirft, kehrt man zur Mentalität des 16. Jahrhunderts zurück.

- Gibt es einen bestimmten Grund, warum die Zentralfigur eine Frau ist?

M. F.: Mein Interesse gilt der Suche nach einer Vorstellung von der Frau. Ich bin der Meinung, daß die unbewußte Fantasie typisch weibliche Züge hat. In der Vergangenheit ist die Frau immer zum Verstummen gebracht worden, obwohl sie der Worte durchaus mächtig ist. Es interessierte mich, diese Negation der Frau zu untersuchen.

- Für wen ist Ihr Film bestimmt? In welcher Beziehung steht er zur Filmproduktion im allgemeinen?

M. F.: Ich weiß nicht, für wen dieser Film bestimmt sein könnte, zweifellos für Zuschauer, die an einer "anderen" Bildsprache interessiert sind, verglichen mit dem, was normalerweise in den Kinos läuft. Filme, die nur auf Action und bloßer Unterhaltung basieren, interessieren mich persönlich nicht. Ich denke, im Film steckt ein enormes Potential, was Erzählweise, Inhalte und die Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Fragen betrifft, das, von einigen Autoren abgesehen, fast nie genutzt wird.

- Aber denken Sie nicht, daß im Grunde auch in den sogenannten Kommerzfilmen eine Botschaft enthalten sein könnte, und daß Unterhaltung im Grunde niemandem schädlich ist? Haben Sie sich selbst nie bei einem Actionfilm amüsiert?

M. F.: In Actionfilmen kann ich persönlich keine Botschaft entdecken; was die Unterhaltung anbelangt: nach kurzer Zeit langweile ich mich immer.

- In Ihrem Film scheinen die Personen zu sprechen, aber nicht miteinander zu reden; der Tisch ist gedeckt, aber niemand ißt. Sind dies Sinnbilder der Einsamkeit?

M. F.: Ich glaube nicht, daß es in meinem Film um Einsamkeit geht. Die Protagonistin hat einen Partner, und es ist deutlich, daß eine affektive Bindung besteht. Was die Dialoge angeht und die Tatsache, daß niemand auf das zu achten scheint, was man ihm sagt, so geht es um die Freiheit, die jeder dem andern gegenüber besitzt, so zu sein, wie er will, ohne notwendigerweise in eine Bekenntnisdynamik zu verfallen. Jemand spricht und der andere muß unbedingt etwas dazu sagen; das ist absolut nicht notwendig.
Was den Tisch betrifft, so ist dahinter die Absicht, die bürgerlichen Leute, die stets speisen, dem Clochard gegenüber zu charakterisieren, der keine festen Tischzeiten hat. Ein rituelles Verhalten wird einer anderen Dimension ohne Riten gegenübergestellt, Zwang gegenüber der Freiheit.