AUSZUG AUS DER ROMISCHEN PRESSKOFERNZ
Rome 1. juni 1998

 

Mondhimmel (Il cielo della luna) setzt &laqno;das Interesse an einer "anderen" Form von Kommunikation und an einer "anderen" Sprache voraus, an die wir nicht mehr gewöhnt sind». So hat ein Kritiker den Film von Massimo Fagioli nach der römischen Vorpremiere definiert. Was aus diesem Werk hervorgeht - abgesehen von anderen noch zu untersuchenden Inhalten - ist eine Recherche über Bilder. Bildvorstellungen, die Identität des Menschen, die Beziehung zum Film und zur Kommunikation: das sind die Themen, die Massimo Fagioli auf der Pressekonferenz vom 1.Juni angesprochen hat.

-Warum eine Frau und nicht ein Mann als Hauptfigur ?

MASSIMO FAGIOLI: Weil sich mein ganzes Leben um die Suche nach einem inneren Bild von der Frau dreht.

- Das, &laqno;was Sie nie verstehen werden...».

M.F.: Genau. Warum? Na ja, ich habe das auch theoretisch ausgearbeitet. Die Vernunft, die Ratio, die ihrem Wesen nach männlich ist, führt bis zu einem bestimmten Punkt ; aber wenn es sich um psychische, menschliche - um nicht zu sagen unbewußte - Realität handelt, begreift die Vernunft absolut nichts. Hierzu braucht man eine unbewußte Phantasie, die wiederum in enger Beziehung zum inneren Bild der Frau steht.
Ich bin überzeugt, daß unsere vernunftgeprägte Kultur seit 2500 Jahren auf der Negation dieser Vorstellung von der Frau und auf der Negation der Frau als solche beruht. Man denke nur an die theoretischen Formulierungen von Marx oder modernen Wissenschaftlern, denen zufolge die menschliche Realität erst mit dem Sprechen beginnt. Das bedeutet anzunehmen, daß ein 6 Monaten altes Kind noch kein Mensch ist! Die Kultur der Vernunft hat das 2500 Jahre lang behauptet, und trotz der tragischen Konsequenzen dieses Gedankens hat sich niemand je dagegen aufgelehnt. Wenn der Säugling keine menschliche Realität darstellt, kann man ihn problemlos umbringen, so wie man ein Tier tötet.

- Sie haben gesagt, daß es in Ihrer Recherche um die Figur der Frau geht. Warum?

M.F.: Eben deswegen. Ich füge noch etwas Privates und Persönliches hinzu: Vielleicht fühle ich mich als Mann schuldig und muß mich daher mit der weiblichen Identität auseinandersetzen. Auch ich bin ein Kind dieser 2500-jährigen Kultur und kann daher eine unbewußte Negation der Frau nicht ausschließen. Deshalb mache ich all das: um zu sehen, ob es eine Negation enthält, ob die Art und Weise, wie das Bild der Frau im Film konstruiert ist, eine Negierung enthält. Ob es anders konstruiert, auf eine andere Art gedacht, erlebt, imaginiert werden muß.

- Inwieweit hat das Medium Film zu Ihrem Verständnis beigetragen?

M.F.: Es hat mich mit einer Möglichkeit der Kommunikation konfrontiert, die der gesprochenen Sprache fehlt; der Film beinhaltet eine Situation, in der man ohne Worte kommunizieren, denken und sein kann. Daher besteht auch ein enger Zusammenhang zwischen dem Film und dem oben Gesagten: das Kind ist der Kommunikation fähig, auch wenn es noch nicht spricht. Was die Sprache anbelangt, so ist bekannt, daß unsere Kultur - nicht eine natürliche Veranlagung - die Frau immer davon ausgeschlossen hat.

- Sind Sie bei den Bildern des Films von einer Idee oder direkt von den Bildern ausgegangen?

M.F.: Ich glaube, daß hier die bildlichen Vorstellungen vor dem Denken da waren, obwohl ich im allgemeinen nicht mit Bildern, sondern mit dem Schreiben von Büchern, d.h. mit Worten und geschriebener Sprache begonnen habe. Aber dieser Sprache mußten innere Bilder zugrundeliegen, sonst wäre es eine abstrakte Sprache gewesen, die nichts über die Realität der Psyche, des Unbewußten hätte aussagen können.

- Man geht immer davon aus, daß viele Regisseure sich von ihren Obsessionen und Schattenzonen leiten lassen. Sich von den eigenen Obsessionen oder von der eigenen Recherche leiten zu lassen, kann man das noch als Kino bezeichnen?

M.F.: Das Kino ist entstanden, um die Leute zu unterhalten, um sie zum Lachen zu bringen. Das Medium Film besitzt aber ein Potential von weit größerer Reichweite, als man anfänglich dachte, was die Erforschung, Kommunikationsmöglichkeiten, die Beeinflussung der menschlichen Psyche betrifft. Autoren wie Dreyer, Tarkovskij, Bunuel, Bergman haben das erkannt, und ich finde es gut, daß es einen Antonioni gibt, der mich am Ende des Films nicht happy, sondern mit offenen Fragen nach Hause schickt.
Manche Bilder sind bloßes Fotografieren. Es gibt aber auch eine Art und Weise, Bilder zu machen, die darin besteht, neuartige und eigentümliche Bilder zu erfinden. Bilder, die etwas aussagen, die sozusagen Zeichnung, Malerei sind. Mich interessiert die Kreation von Bildern, bei denen es eine Frau ist, die Möglichkeiten, Vorbilder, Gefühle, zwischenmenschliche Beziehungen so erzählt, daß ich als Zuschauer mir sage: das ist ja ganz neu! da gibt es also zwischen Mann und Frau noch etwas anderes als die übliche Langeweile...